Soester Deutschlehrerin Linda Keil brennt fürs Theater

12.02.17 08:00 Foto: Peter Dahm /Artikel: Bettina Boronowsky

 

+
Linda Keil gibt seit fast zehn Jahren Stückeinführungen im Lippstädter Stadttheater. Dafür sichtet die theaterbegeisterte Deutschlehrerin am Aldegrever-Gymnasium Programmhefte und Presseinformationen, macht sich Notizen und liest die kompletten Stücke, falls sie sie noch nicht kennt.

Lippstadt/Soest - Die Theaterfans kennen sie längst. Einige kommen eigentlich nur ihretwegen. Linda Keil hat im Lippstädter Stadttheater ihr Stammpublikum. Und das wird immer größer. Das Theater kann nicht mehr ohne sie – und sie kann nicht ohne Theater: „Ich liebe es“, sagt sie.

Seit zehn Jahren gibt sie in Lippstadt die „Stückeinführungen“. Wer sich für diese Aufgabe eine verbissene ältere literaturbeflissene Dame mit missionarischem Eifer vorstellt, irrt. Klar, literaturbeflissen ist Linda Keil, schließlich hat sie Germanistik studiert. Auch Missionseifer hat sie, schließlich will sie jeden fürs Theater gewinnen. Aber mit ihren 33 Jahren, dem offenen Gesicht, dem fröhlichen Lachen und dem Kurzhaarschnitt wirkt sie alles andere als verbissen. Ihre Begeisterung für die Bühne steckt an. 

Auch die Soester kennen Linda Keil. Allerdings weniger aus dem Theater, sondern aus der Schule. Sie unterrichtet Deutsch und Pädagogik am Aldegrever-Gymnasium. „Dabei wollte ich eigentlich nie Lehrerin werden“, gibt die 33-Jährige zu. Ihre Welt waren von je her Theater und Sprache. 

Schon als 16-Jährige arbeitete sie mit Conny Rupp beim Bürgerfunk des Hellweg Radios. So richtig geweckt jedoch wurde ihre Bühnenleidenschaft von Alfred Kornemann, dem Lippstädter Impresario, der sie am evangelischen Gymnasium in der elften Klasse in Deutsch unterrichtete. Mit ihm machte sie Lesungen und Schultheater.

Das Engagement fürs Theater setzte sie während des Studiums in Münster fort. Geprägt habe sie vor allem die Zeit im Wolfgang-Borchert-Theater, sagt sie. Bald übernahm sie dort als „Mädchen für alles“ die Abendspielleitung und durfte dafür alle Inszenierungen kostenfrei sehen – genau das, was sie wollte. 

Ganze Tage verbrachte sie in dem Haus, schrieb neben der Bühne Hausarbeiten, lernte im Hinterzimmer für die Prüfungen und schnupperte Theaterluft ohne Ende.

 Selber Schauspielerin zu werden – den Gedanken habe sie schnell verworfen, sagt Linda Keil heute. Damals sei sie mit einem Theaterschauspieler zusammen gewesen und habe hautnah erfahren, wie anstrengend und unsicher dieser Beruf ist. Ständig neue Engagements zu suchen, oft von der Hand in den Mund zu leben – das war nichts für sie. 

Stattdessen ging sie im Jahr 2008 zurück nach Lippstadt und wurde dort jüngstes Mitglied im Beirat der KWL (Kultur und Werbung Lippstadt), der das Theaterprogramm zusammenstellt. Als KWL-Chefin Carmen Harms ihr die Idee mit der „Stückeinführung“ vorschlug, hatte Linda Keil ihre Rolle gefunden. Ein knappes Dutzend Inszenierungen sucht sie 

sich pro Saison aus, über die sie die Besucher vorab informiert. Welche Stücke infrage kommen, welche nicht, das weiß sie aus langjähriger Erfahrung. Sie kennt Darsteller und Regisseure, kann vorhersagen, wie sie reagieren werden: „Bei Stücken mit Dominik Horwitz zum Beispiel kann ich keine Einführung machen. Der mag das nicht.“ 

Ihr Publikum kann sich darauf verlassen: „Ich nehme nichts voraus.“ Niemals „verrät“ sie den Ausgang eines Stücks. Stattdessen gibt sie Auskunft über Entstehungsgeschichten, Autoren und Regisseur und über Besonderheiten einer Inszenierung. 

Mittlerweile steht Linda Keil bei den Einführungen auf der Bühne des Großen Hauses in Lippstadt. Das war nicht immer so. Angefangen habe sie unten im Foyer vor der Garderobe, erinnert sie sich. Eine Handvoll Leute hörte zu. Dann wurde der Raum zu klein. Mittlerweile sitzt fast das komplette Publikum im Zuschauerraum schon eine Dreiviertelstunde, bevor sich der Vorhang hebt. 

Alle hören zu, wenn die studierte Germanistin über den „Hundertjährigen“ informiert, „der aus dem Fenster stieg“, über Familie Flöz scherzt oder auf die Tragödie „Medea“ einstimmt. Dafür liest sie unbekannte Stücke komplett durch, studiert Programmhefte und Presseinformationen. 

Nicht jede Inszenierung, über die Linda Keil spricht, gefällt ihr. Manchmal gibt’s Sternstunden, manchmal ist sie auch regelrecht enttäuscht: „Theater ist subjektiv.“ 

Als größtes Kompliment wertet sie, wenn ein Regisseur – manch einer steht hinterm Vorhang und hört zu – ihr nach der Einführung sagt: „Ich hätte es nicht besser machen können“. Und wenn das Publikum bei ihrer Einführung mitgeht und Fragen stellt, weiß sie, dass sie alles richtig gemacht hat. Dann ist sie stolz.

Mit dem Lehrer-Job hat sich Linda Keil längst ausgesöhnt. Allerdings wünscht sie sich viel mehr Freiraum für Theater an den Schulen. Die Begeisterung für die Bühne kommt nicht von allein, weiß die Deutschlehrerin. Immerhin gibt es am Alde die Theater-AG mit Thomas Jacob. Es sei nötig, dass die Schüler zum Theater hingeführt und auf die Werke vorbereitet werden. Kaum einer kenne heutzutage ein Schauspielhaus von innen. „Die aktuelle Schulpolitik“, meint Linda Keil fast resignierend, „macht jegliche kulturelle Arbeit kaputt“. 

Zurzeit genießt sie ihren Erziehungsurlaub mit Klein-Tilda (fünf Monate). Im Herbst will sie ans Alde zurückkehren. Dann gilt wieder: „Guter Unterricht ist wie eine gute Inszenierung – mitreißend, spannend, lehrreich und alle haben etwas davon.“ 

Zeitungsartikel, erschienen 2009 im `Wochentip Lippstadt`