Blog

Do

02

Jun

2011

"Wir brauchen einen neuen Aufbruch"

Aus dem Gespräch zwischen dem ehemaligen Widerstandskämpfer Stéphane Hessel, 93, und dem Philosophen und Publizisten Richard David Precht. Erschienen im Feuilleton der Wochenzeitschrift 'Die Zeit' (1. Juni 2011, Nr. 23)

 

Hessel: Ich plädiere für das Prinzip des Experiments. Experimente sind überhaupt das Wichtigste für uns. Wir sollten in Demokratien soziale und politische Experimente befürworten, damit die Leute Freiheit empfinden. Anders als im französischen Schulsystem, das Lehrer für jeden spontanen Unterrichtszugang bestraft. Wie könnten wir Einfluss ausüben auf die jungen Lehrer, die neu in den Beruf kommen, und sie dazu bringen, eine Vision der Zukunft zu haben?

 

Precht: Normalerweise wird einem das Visionäre in der Referendaritsausbildung ausgetrieben. Da zieht man den zukünftigen Lehrern den Zahn. Sie haben sich an vorgefertigte Pläne zu halten, zu möglichst hundert Prozent. Sie dürfen nicht in eine Klasse gehen und sagen: Ich bin gespannt, was heute herauskommt. Sondern die Ziele müssen sie vorher definieren, und dann kommt es darauf an, dass sie diese Ziele erreichen. Das ist das Gegenteil von dem, was für Schüler interessant ist. Ich lerne, wenn meine Neugier gefördert wird. Wenn das Ziel feststeht, kommt es auf mich nicht an.

 

Hessel: Dann werde ich zum Instrument. Menschen dürfen keine Instrumente für Zwecke sein [...].

5 Kommentare

Sa

05

Feb

2011

Rede zum Abschluss des Referendariats

„Also lautet ein Beschluß:

Daß der Mensch was lernen muß.

Nicht allein das Abc

Bringt den Menschen in die Höh,

Nicht allein im Schreiben, Lesen

Übt sich ein vernünftig Wesen;

Nicht allein in Rechnungssachen

Soll der Mensch sich Mühe machen;

Sondern auch der Weisheit Lehren

Muß man mit Vergnügen hören.“

 

Dass dies mit Verstand geschah

war uns Ref`rendaren klar

 

Doch wir mussten nun erfahren

Dass die Schüler mit den Jahren

Nicht mehr dumme Streiche machen

Nicht mehr durchgedachte Sachen

Keine Lust am Necken haben

Sich an keinem Witze laben

Und nicht mit den Füßen schaben

Wenn sie Pauker foppen können

- wollt ihr uns den gar nichts gönnen?

Fragten wir an manchen Tagen

Aber, nun. Ich kann Euch sagen

Ref`rendaren blühen Streiche

Nicht von unten,

sondern oben:

 

Unter Schülern leidet keiner

Jedenfalls nicht sonderlich

Nein, jetzt necken sie uns feiner

Und so mancher merkt es nicht

 

Um uns etwas Spaß zu gönnen

Tat das Seminar so viel

Zeigte uns sein ganzes Können

Was uns häufig doch missfiel

 

„Nun, seits froh

Was wollt ihr klagen

Ihr seits durch und seid jetzt Lehrer“ -

Hörten wir so manche sagen

- und wir wurden Lehrer, leerer

 

Alles ham’ wir ausprobiert:

Platzdeckchen zum Placemat machen

Und noch andre tolle Sachen

Planspiel und ein Rollentausch

Tafelbild mit Samt und Flausch

Stühle hin und her geräumt

Bis der Mund uns zugeschäumt

In der Gruppe auch gepuzzelt

Und den Mund kaputt gefusselt

Kreide im Akkord verschrieben

Schüler hin und her getrieben

Nächtelang den Kopf zerzaust

Bis wir waren ganz verlaust

Freunde in den Wind geschossen

Und noch andere Genossen

Galeriegang tatata….

Wunderbar!

Treu dem Seminar geschworen

Sogar mit geputzten Ohren!

 

Doch es schien nie gut genug

Und da kamen schon auch Sorgen

Waren wir nicht mal ganz Klug

Sollten wir uns Klugheit borgen?

Doch bei wem?- Das war die Frage?

Und das fast an jedem Tage

 

Unterrichtsbesuche planen

Unterrichtsbesuche schreiben

Hier und da Kritik absahnen

Und uns richtig einverleiben

 

Keine Zeit für Freizeit haben

Nur noch Bücher, Korrekturen

Fachleiter, die zu uns sagen

Schaut doch mal auf eure Uhren

Nun ist diese Stund vorbei

Nein, das geht nicht, Zeit ist rum

Sicherung?

 

So verlief denn manch Disput

Den wir führten nach Besuchen

Wirklich oft nicht gänzlich gut

 

„Nein, das war ein Trauerspiel

Willst DU wirklich Lehrer sein

Schüler lern` bei Dir nicht viel

Geh doch lieber wieder heim!

Textarbeit, das kannst Du schon

Wie wär mal was Kreatives?

Und dann dacht man ohne Hohn

Gut ich mach jetzt das und dieses

setze Kreatives um -

doch schon nach der nächsten Stunde

fühlte man sich ganz schön dumm:

 

Standbild, Mind Map, Lückentext

Fish-Bowl, think, pair, share

Elfchen, Kopfstand, double-next

Feedback, double-pair

 

Kreatives kannst du nur?

Ich will Arbeit nah am Text?

Sei doch bitte nicht so stur

Folge meinen Sätzen jetzt!

 

So und so musst du das machen

So und so muss Unt’richt sein

Mensch, was machst Du denn für Sachen

Drüber kann ich nicht mehr lachen!

Erst ein Einstieg nicht zu lange

Ein Impuls,

wart nicht zu lange

nicht zu kurz

dann rasch zum Thema

Das ist die die Erarbeitung

 

Überleg wie lang sie lesen

Achte auch die schwachen Wesen

Wie lang braucht die Textarbeit

Überleg dir gut die Zeit

 

Partner, Placemat, Einzel, Puzzle

Welch Methode willst DU wählen?

Man, was bist Du für ein Schussel

Du musst erst die Schüler zählen

 

Denk an think und pair und share

Und bleib zu den Schülern fair

Schüler solln das Thema nennen

ohne dieses zu verkennen

 

Führe sie zum Thema hin

sodass es sie selbst bemerken

und erkennen seinen Sinn

zudem musst du sie bestärken!

 

Sei doch nicht so dominant!

Deine Schüler sind so still

Weißt Du was ich übel fand

Was ich wirklich gar nicht will?

Dass Du so viel Fragen stellst

Und das Schülerhirn erhellst

Dadurch werden Schüler schlau

Dass weiß man doch ganz genau

Besser ists sie wissen nicht

Vielmehr als der kleiner Wicht

 

Sollte man es gar SO deuten

Hier bei diesen klugen Leuten?

DIE Moral von der Geschicht

Die verstand man öfters nicht

 

Dass die Schüler werden schlau

War uns allen immer wichtig

Das weiß man doch ganz genau

Diskutieren wär hier nichtig

 

Aber was bring` all die Sachen

wenn das Wissen hier so fehlt

gut, wir konnten es so machen

doch wir haben uns gequält.

 

Nur noch an Methoden denken

Nur denken an das Wie

darauf nur das Hirn hinlenken

Hinterfragen? Bitte nie!

 

Zaghaft stellt sich da die Frage

Was steht hier im Vordergrund

Denn es war ne schöne Plage

Jede so geplante Stund

 

Geht es wirklich hier um Wissen

Oder vielmehr um Methoden

Logik darf man hier schon missen!

-Doch was kann es Schönres geben

In des Refrendares Leben

Als Methoden zu erproben!

 

Hier ein bisschen Unterhaltung

Entertainment, Jubel, Trubel

Spaßgesellschaft! Achtung Achtung!

Komm sie rein, hier rollt der Rubel

 

Wo sind wir hier nur gelandet

Jahrmarkt, Schule, Seminar

Fühlten uns wie grad gestrandet

Orientierung sonderbar

 

Wie man es auch nur versuchte

Irgendwie war immer was

Denn wo man nach Fehlern suchte

Fand man für gewöhnlich was

 

Manche ging` daran zu Grunde

Sie zerbrachen an den Sorgen

Fehlen heute in der Runde

In der Schule jeden Morgen

 

Wie ham wir das überstanden?

Manchmal ging es an die Würde

Woher wir die Kräfte fanden

Und so nahmen jede Hürde

Ist uns manchmal nicht ganz klar

Doch dass wir auch Freunde fanden

Und so knüpften manche Banden

Das ist auch nun wirklich wahr

 

Es gab doch auch nette Leute

Die uns halfen und uns stützten

Und in dieser ganzen Meute

Uns im Alltag öfters nützten

 

Sie bogen den Rücken gerade

Wenn er oft vom Gram gebeugt

Führten uns auf neue Pfade

Was von Menschlichkeit nur zeugt

 

Idealisten braucht die Welt

Menschen, die an Wissen glauben

Menschen, die die Schüler stützen

Und gern in die Schule gehn

Was soll da die Floskeln nützen

Die uns oft im Wege stehn

 

Gehen wir hinaus ins Leben

Und versuchen unser Glück

Dann, wenn wir nach Gutem streben

Denken wir an das zurück

Was uns einst im Gram verbannte

Das, was jeder von uns kannte

Das, was uns auf ewig bleibt

Ist der Glaube an das Gute

Und an eine gute Zeit

 

5 Kommentare